Eine Geschichte aus Mediokristan und Extremistan: Warum ich Harry Potter nicht gelesen habe

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Eine Geschichte aus Mediokristan und Extremistan: Warum ich Harry Potter nicht gelesen habe

mediokristan und extremistan

© better-life-blog.de

Um es vorab zu sagen, meine Geschichte aus Mediokristan und Extremistan ist in weiten Teilen von Nassim Nicholas Talebs Buch „Der schwarze Schwan“ inspiriert. Seine unfassbar klugen Gedanken in diesem Buch haben mich zu ein paar eigenen (intellektuell wesentlich bescheideneren) Erkenntnissen geführt, die ich trotzdem gerne mit Euch teilen möchte.

Die Welt von Mediokristan und Extremistan

Taleb beschreibt im Wesentlichen, wie Statistiker und Mathematiker bei der Einschätzung von Risiken und Wahrscheinlichkeiten regelmäßig daneben liegen. Er begründet dies mit der Existenz sogenannter „Schwarzer Schwäne“. Ein Schwarzer Schwan ist ein Extremereignis, dass außerhalb des Betrachtungsraumes des Risikomanagements liegt. Es ist nicht einfach nur unwahrscheinlich, sondern seiner Art nach so unvorhersehbar, dass niemand überhaupt die Existenz dieses Ereignisses vorsehen kann. Rückwirkend lässt er sich aber sehr wohl erklären.

Taleb bezeichnet diese Wissenslücke als das „unbekannte Unbekannte“. Man weiß also beim Risikomanagement gar nicht, was man nicht weiß. Daher kann sich auch niemand präventiv gegen solche Risiken schützen. Beispiele dafür sind der 11. September 2001 oder die Reaktor-Katastrophe in Fukushima. Einschneidende Ereignisse, die niemand hat kommen sehen, die rückwirkend aber absolut erklärbar sind.

Taleb bezeichnet die Welt bzw. das Modell der Welt, das Risikoforscher betrachten, als Mediokristan. Also ein „Land“, in dem es nur Berechenbares gibt und keine extremen Ausschläge. Folgerichtig bezeichnet er die Welt der Schwarzen Schwäne als Extremistan. Hier gibt es diese extremen Ereignisse, die niemand prognostizieren kann. Und dies ist die Welt, in der wir tatsächlich leben. Folglich sind alle Vorhersagen über Wahrscheinlichkeiten und zukünftige Ereignisse mit Vorsichtig zu betrachten, da sie nur ein „weichgespültes“ Modell der Realität betrachten und nicht die Möglichkeit von Extremereignissen in Betracht ziehen. Deshalb sollte man auch keinem Börsen-Guru zuhören. Aber das nur am Rande.

Think outside of the box

Den Schwarzen Schwan findet man also nie auf bekanntem Gebiet, sondern nur außerhalb des normalen Betrachtungsraumes. Schwarze Schwäne sind aber nicht nur für Börsenspekulanten und Mathematiker interessant, sondern für uns alle. Warum ist das so?

Ich glaube fest daran, dass jeder einzelne von uns einen Unterschied ausmachen kann. Jeder einzelne von uns kann einen entscheidenden Beitrag leisten, die Gesellschaft zu ändern oder den Klimawandel aufzuhalten. Wenn wir aber das Bild das Schwarzen Schwans nehmen, dann werden wir die Ideen, die wir dafür brauchen, nicht innerhalb der „Box“ finden. Denn sonst hätte sie ja schon jemand gehabt.

Was wir suchen ist ein positiver Schwarzen Schwan. Denn Schwarze Schwäne sind Extremfälle. Und die gibt es nicht nur im Negativen, sondern eben auch im Positiven. Und diese positiven Ausreißer treten genau so wenig innerhalb des Bekannten auf, wie die Negativen. Wenn man sich bewusst positiven Schwarzen Schwänen aussetzen will, darf man sich nicht also im bekannten Gebiet aufhalten, sondern muss sich abseits der ausgetretenen Wege umsehen. Im übertragenen Sinne.

Harry Potter und der Stein der Weisen

Wer also auf der Suche nach Außergewöhnlichem ist, der sollte, um auf den Titel dieses Beitrags zu kommen, nicht Harry Potter lesen. Den Stein der Weisen findet man zwar dort als Buchtitel, aber die wirklich große Idee, die die Welt verändern kann, wird man dort nicht finden. Wieso nicht? Ganz einfach, weil wir es dann schon wüssten.

Bei den zig Millionen Lesern dieser Bücher, hätte auf jeden Fall schon einer eine weltverändernde Eingebung gehabt, wenn eine solche in den Büchern zu finden wäre. Harry Potter ist quasi das literarische Mediokristan. Absoluter Mainstream, dort gibt es keine Schwarzen Schwäne, auch keine Positiven, weil alles bekannt ist.

Stattdessen sollte man auf der Suche nach neuen Ideen abseits des Mainstreams schauen. In den USA kommen jährlich ca. 200.000 neue Bücher auf den Markt. Davon werden nur 1% Bestseller. Daraus kann man zwei Tatsachen ableiten: Erstens, man sollte kein Buchautor werden, wenn man erfolgreich werden möchte (das gilt übrigens auch für Blogs ;)). Und zweitens, es gibt da draußen Unmengen an kaum gelesenen Büchern, die also nur wenigen Menschen bekannt sind und zu potenziell weltverändernden Ideen inspirieren können.

Bestseller sind wohlbekannt aber Worstseller findet man kaum

Wenn ich Euch bitten würde, mir die 10 weltweit erfolgreichsten Bücher eines beliebigen Jahres zu nennen, könntet Ihr mir diese Frage binnen kurzer Zeit beantworten. Mal eben die Suchmaschine der Wahl befragt und schon erhaltet Ihr die Erfolgsgeschichten. Ganz anders sieht es aus, wenn ich Euch nach den Super-Flops eines Jahres fragen würde. Probiert es selbst aus. Woran liegt das?

Wir Menschen lieben Gewinner-Geschichten. Auch das ist übrigens beschrieben im Schwarzen Schwan von Taleb. The winner takes it all. Sehr gut ist dieses Phänomen bei den amerikanischen Tech-Firmen zu beobachten. Jeder kennt Google als Suchmaschine, mit seinen weit über 90 % Marktanteil. Bing als Nummer zwei ist wohl einigen auch noch ein Begriff. Aber dann? Ab Platz 3 kennen sich nur noch IT-Spezialisten und Hobby-Nerds aus. Side fact: Google selbst ist ein positiver Schwarzer Schwan. Keiner hat es kommen sehen, aber rückblickend schien die Welt darauf gewartet zu haben und sein Erfolg ist absolut erklärbar. Wo findet man nun also Inspiration, abseits des Mainstreams?

Quellen für seltenes Wissen sind selbst selten

Das ist tatsächlich eine Kopfnuss. Das Internet ist dabei wenig hilfreich. Wie oben schon beschrieben, werden hier nur Bestseller-Listen ausgespuckt. Eine globale oder zumindest deutschlandweite Rangliste inklusive der letzten Plätze gibt es nicht (wenn Ihr was findet, bitte gerne in die Kommentare schreiben!). Also bleibt nur das, was fast schon anachronistisch anmutet: im Buchladen shoppen gehen.

Und damit meine ich nicht die bekannten Ketten, denn auch dort findet ihr nur erfolgreiche Bücher. Alles andere wird schnell aussortiert. Vielmehr muss man sich auch hier abseits des Mainstreams umsehen und in die kleinen, alten Buchläden gehen, die es manchmal noch gibt. Diese können es sich nicht leisten, Bücher zu entsorgen und lassen deshalb auch die weniger erfolgreichen in den Regalen stehen. Auch auf Flohmärkten und in Second Hand Läden sind alte Buch-Schätze zu finden.

Eine weitere sehr gute und unterschätzte Quelle sind auch öffentliche Bibliotheken und Uni-Bibliotheken. Bei Letzteren kann man manchmal auch ohne Studentenausweis Mitglied werden. Da es dort keinen Erfolgsdruck gibt, bleiben auch die wenig gelesenen Fachbücher in den Regalen. Und nebenbei spart man durch das Leihen der Bücher auch noch Ressourcen (Papier und Geld).

Versucht etwas Neues, am besten jeden Tag

Auf der Suche nach Inspiration solltet Ihr Euch also in unbekannte Gewässer wagen. Nochmal: dabei geht es nicht darum, dass in den unbekannten Büchern mehr Qualität lauert. Die erfolgreichen Geschichten und Sachbücher sind größtenteils alle zu Recht so erfolgreich. Sie alle überzeugen mit vielen tollen Ideen und Welten und ziehen Millionen Leser in ihren Bann.

Der Punkt ist: dort wird man keine bisher unbekannten Ideen finden. Denn eben aufgrund dieser großen Leserzahlen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit alle Ideen, auf die man durch diese Bestseller kommen könnte, bereits entdeckt und bekannt. Wenn Ihr Euch auf die Suche nach positiven Schwarzen Schwänen machen wollt, müsst Ihr Euch aber außerhalb des Mainstreams bewegen.

Das gilt übrigens nicht nur für Bücher, sondern in nahezu jedem Bereich des Lebens. Im Mallorca-Urlaub wird man keine einsamen Buchten finden, beim Italiener um die Ecke keine neuen Geschmacksrichtungen. Setzt Euch also bewusst dem „Risiko“ von positiven Schwarzen Schwänen aus und probiert neue Dinge. Was Euch nicht gefällt, könnt Ihr ja sofort wieder sein lassen oder einfach nicht wiederholen. Gerade bei wenig gelesenen Büchern wird man viele dabei haben, die zu Recht wenig gelesen werden. Die darf man dann auch ohne schlechtes Gewissen nach ein paar Seiten für immer zuklappen.

Fazit: Mediokristan und Extremistan sind unterschiedliche Weltmodelle

Wie oben erläutert, leben wir ohne es zu wissen in Extremistan, wähnen uns aber im gut kontrollierbaren Mediokristan. Die Schwarzen Schwäne, die Taleb beschreibt, also extreme und unvorhersehbare Ereignisse existieren wirklich. Aus diesem Zwiespalt zwischen Mediokristan und Extremistan, der einen Welt, in der wir zu sein glauben und der anderen Welt, in der wir tatsächlich leben, entsteht eine gewisse Gefahr. Aber auch eine Chance. Darauf macht uns Taleb aufmerksam.

Neben der Gefahr für unser Vermögen und sogar unser Leben, vor der Taleb uns warnt sehe ich aber die Gefahr von verpassten Chancen. Wer sich nur im Mainstream, also in Mediokristan aufhält, wird nie einen positiven Schwarzen Schwan finden, weil das per Definition ausgeschlossen ist. Das bedeutet nicht, dass man 100% außerhalb jeglichen Mainstreams leben muss. Aber wer nie etwas abseits der Bestseller-Listen liest, wird vielleicht nie etwas für sich entdecken, was nicht schon alle anderen auch kennen.

Die Leute, die unsere Welt mit neuen Ideen vorangebracht haben, dachten und bewegten sich alle außerhalb der Box des Bekannten. Sie haben sich bewusst nach Extremistan gewagt, um dort einen positiven Schwarzen Schwan zu finden. Wenn wir also Fortschritt und neue Ideen suchen, müssen wir uns auf den Weg durch Extremistan machen. Das taugt dann zwar nicht als Partygespräch, kann aber den Unterschied ausmachen.

Bevor Ihr mir einen wütenden Kommentar da lasst…

Für alle Harry Potter Fans: Ich habe Harry Potter tatsächlich nicht gelesen. Dass ich damit aber wahrscheinlich eine gute Zeit hätte, verraten mir die sehr großen Leserzahlen. Mein Geschmack ist auch nicht exklusiver als Eurer. Wahrscheinlich würde ich, einmal angefangen, auch sofort angefixed sein und alle Bücher lesen. Es geht hier nicht darum, mich als jemanden mit außergewöhnlichem Geschmack darzustellen.

Auch ich gönne mir genug Mainstream und sitze nicht jeden Abend im Ohrensessel mit einem verstaubten Buch. Harry Potter ist nur ein willkürliches Beispiel für eine Mainstream-Welt, in der es keine neuen Ideen zu erkunden gibt. Es dient mir nur als Beispiel für einen Bestseller, um meinen Gedanken zu Mediokristan und Extremistan zu erläutern. Also bitte keine Drohbriefe aus Hogwarts schicken 😉

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