Klause V – Jobmaschine oder Ökologischer Alptraum?

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Klause V – Jobmaschine oder Ökologischer Alptraum?

Klause V

© google maps, 2019

Klause V ist der Name der 5. Erweiterung des Industrieparks „Klause“ in meinem Heimatort in Lindlar, NRW. Seit 1975 haben sich – laut Website der gemeindeeigenen Bau-GmbH – in dem mitt­lerweile 87 ha großen Gewerbe- und Industrie­park über 165 Unter­nehmen aus verschiedensten Branchen angesiedelt und dauer­haft ihren Standort gefunden. Durch die kontrovers diskutierte Erweiterung sollen nun weitere 35 ha erschlossen werden. Dafür müssen ca. 25 ha Wald weichen (s. Titelbild) und gewaltige Mengen Erde bewegt werden, da das Gebiet teilweise starke Höhenunterschiede aufweist.

Was man weiß

Die Erweiterung des Industriegebietes ist ein interkommunales Projekt zusammen mit der Nachbargemeinde Engelskirchen. Dies wurde von der Bezirksregierung in Köln so festgelegt, weil in Engelskirchen kein Platz mehr für weitere Industrie- und Gewerbeflächen besteht. Das Gebiet für die Erweiterung, Klause V genannt, liegt allerdings komplett innerhalb der Gemeinde Lindlar. Die Gemeinde Engelskirchen soll – sozusagen als „stiller Teilhaber“ von Klause V – 40% der Gewerbesteuereinnahmen erhalten. Das Kostenrisiko und die umweltseitigen Nachteile liegen aber komplett bei der Gemeinde Lindlar.

Bemerkenswert ist zudem die Topographie des Gebietes. Während Lindlar selbst, sowie die übrigen das Gewerbegebiet umgebenden kleinen Ortschaften, sämtlich im Tal um das Industriegebiet herum liegen, thront dieses auf der Anhöhe darüber. Dies ist nicht nur aus ästhetischen Gründen wichtig, sondern auch vor dem Hintergrund der durch den Klimawandel bedingten zunehmenden Starkregenereignisse. Zwar sollen Regenrückhaltebecken angelegt werden. Die letzte Erweiterung des Gewerbegebietes in Richtung der Ortschaft Fenke zeigte aber, dass dies nicht zwingend ausreichen muss, um plötzlich auftretende Regenmassen aufzunehmen. Dazu weiter unten mehr.

Der Wald oben auf der Anhöhe hat mehrere Funktionen. Nicht nur, dass er ein natürlicher CO2 Speicher ist, was in Zeiten des menschengemachten Klimawandels nicht zu unterschätzen ist. Er dient darüber hinaus auch als Wasserspeicher und bietet einer artenreichen Fauna Lebensraum. So zeigte ein Gutachten des NABU, dass u.a. über 50 Falterarten dort ein Zuhause finden. Einige davon stehen auf der roten Artenschutzliste.

Schon vor einiger Zeit hat sich eine Interessengemeinschaft aus Anwohnern und Naturschützern gebildet, die für den Erhalt des Waldes kämpft. In regelmäßigen Abständen werden durch den NABU Waldbegehungen angeboten, bei denen Fachleute des NABU den Bürgern erklären und zeigen, welche Rolle der Wald für Lindlar spielt. Auf einer stetig wachsenden Unterschriftenliste für den Walderhalt konnte die Interessengemeinschaft mittlerweile über 3.000 Unterschriften sammeln. Ebenfalls zur Interessengemeinschaft gehört ein ortsansässiger Landwirt. Diesem gehört ein für die Erschließung des Gewerbegebietes nicht unerhebliches Waldgrundstück und er weigert sich dieses zu verkaufen. Seitens der Gemeindeverwaltung wurde eine Zwangsenteignung zumindest ins Spiel gebracht.

Was man vermutet

Bei der Gemeinde Lindlar und den Unternehmen, die an den Flächen in Klause V interessiert sind, erhofft man sich ca. 400 neue Arbeitsplätze. Dies ist dann auch das Totschlagargument schlechthin. Jegliche Kritiker der Erweiterung werden damit vermeintlich in die Schranken gewiesen. Besonders von den konservativen Politikern wird der Eindruck erweckt, dass ohne die Erweiterung nicht nur die mutmaßlichen Arbeitsplätze nicht geschaffen werden, sondern namhafte Firmen sogar über eine Abwanderung zu anderen Standorten nachdenken.

Ebenso lässt sich aber vermuten, dass in dem neuen Gebiet zwei große ansässige Firmen Hallen zur Erweiterung ihrer Lagerkapazität bauen werden. Dies wurde zumindest von einem Betrieb auch mehr oder weniger eingeräumt, wobei dessen Besitzer in einer offenen Stellungnahme in der Lokalpresse sogar so weit gingen einzuräumen, dass der Bedarf akut eigentlich gar nicht vorhanden ist und sie die Grundstücke eher auf Vorrat kaufen würden. Dass durch die Errichtung großer Lagerhallen in dem neuen Industriegebiet zahlreiche neue Arbeitsplätze geschaffen werden, ist eher unwahrscheinlich.

Die Gemeindeverwaltung geht davon aus, dass die neu geschaffenen Flächen sehr schnell verkauft werden können und verweist auf eine nicht öffentliche Interessentenliste. Aufforderungen seitens der Interessengemeinschaft, diese Liste offen zu legen ist die Gemeinde, bzw. die gemeindeeigene Bau-GmbH bisher nicht gefolgt und begründet dies mit rechtlichen Belangen. Zumindest einige der ansässigen Unternehmen haben aber von sich aus das Interesse öffentlich gemacht.

Unklarheit besteht über die Kosten der gesamten Maßnahme. Durch das Konstrukt der gemeindeeigenen Baugesellschaft kann diese sich auf Verschwiegenheit ihrer Vorhaben berufen, um Wettbewerbsnachteile zu vermeiden. Es lässt sich allerdings mutmaßen, dass die Erweiterung zu hohen Kosten führen wird, da zu den Planungskosten, die jetzt noch um eine Alternativplanung erweitert werden müssen, immense Kosten für die Erschließung des Gebietes kommen. Die teilweise starken Höhenunterschiede müssen auf ein gemeinsames Niveau angeglichen werden. Bereits bekannt ist, dass dies ohne Sprengungen nicht möglich sein wird, da die Anhöhe aus der für Lindlar typischen Grauwacke besteht, einer dort in zahlreichen Steinbrüchen abgebauten Gesteinsart.

Seitens der Anwohner gibt es Sorgen, dass durch die Sprengungen auch Schäden an ihrer Gebäudesubstanz entstehen. Eine Befürchtung, die seitens der Gemeinde bisher nicht entkräftet werden konnte.

Die Erschließungskosten werden zunächst durch die Gemeinde Lindlar getragen. Sie werden aber auf den Grundstückspreis der neuen Fläche umgelegt. Sollten alle Grundstücke verkauft werden können, wird es für die Gemeinde ein Nullsummenspiel sein. Einnahmen erhofft man sich dann durch die Gewerbesteuer der neu angesiedelten Unternehmen, die wie oben erwähnt aber zu 40% an die Nachbargemeinde abgeführt werden muss.

Der Grundstückspreis wird aber vermutlich weit über dem Preis der Flächen vorangegangener Erweiterungen liegen, da wie oben geschildert enorme Erschließungskosten entstehen werden. Ob diese Grundstückspreise für die Unternehmen dann überhaupt noch attraktiv bzw. erschwinglich sind, wird sich zeigen. Falls nicht, bleibt die Gemeinde Lindlar auf den Kosten sitzen. Und das, bei einer ohnehin schon hohen Nettoverschuldung.

Was man nicht weiß

In der von Teilen der Verwaltung, der Politik und den Unternehmen schön gerechneten Gleichung gibt es viele Unbekannte. Selbst das Totschlagargument für Klause V, die „neuen Arbeitsplätze“, ist nicht zu Ende gedacht. Wenn man ein paar Jahre in die Zukunft schaut, und zwar nicht mit der Glaskugel wie einige der Befürworter der Erweiterung, sondern zusammen mit den Demographen, dann zeigt sich, dass innerhalb der kommenden fünf bis zehn Jahre die geburtenstarken Jahrgänge in die wohlverdiente Rente gehen werden. Dies bedeutet nicht nur einen immensen Verlust an Arbeitskraft, sondern auch an Know How. Dieser Mangel an Arbeitskräften betrifft alle Unternehmen in der gesamten Bundesrepublik.

In diese Situation hinein wird mit der angeblich alternativlosen Schaffung von 400 Arbeitsplätzen argumentiert, sonst droht Lindlar womöglich das neue Detroit Deutschlands zu werden. Dies darf aber getrost in Zweifel gezogen werden. Selbst wenn so viele Arbeitsplätze entstünden ist eher die Frage, ob die Stellen überhaupt besetzt werden können. Die Auftragsbücher der Unternehmen mögen so viele neue Arbeitsplätze hergeben – der Arbeitsmarkt tut es nicht!

Wie weiter oben bereits angedeutet besteht aber auch die Möglichkeit, dass die ansässigen Unternehmen sich dessen durchaus bewusst sind und für die neuen Flächen einfach nur eine Erweiterung ihrer Lagerkapazitäten planen. Dann allerdings ist das Argument der neuen Arbeitskräfte endgültig zu begraben und darf keine Grundlage einer seriösen Diskussion mehr sein.

Durch den Wegfall des einzigen wirklichen „pro-Arguments“ entfällt auch die prominenteste Grundlage der Erweiterung. Denn selbst Leute, die der Erweiterung skeptisch gegenüber stehen, lassen sich von dem Arbeitsplätze-Argument beindrucken. Schließlich will sich ja keiner nachsagen lassen, gegen neue Arbeitsplätze zu sein. Dessen sind sich die Befürworter der Erweiterung auch durchaus bewusst und spielen diese Karte bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Ebenfalls kaum abzuschätzen sind die Auswirkungen auf den Lindlarer Wasserhaushalt. Wie oben bereits erwähnt, sind in der Planung umfangreiche Regenauffangbecken mit berücksichtigt. Dass diese die Netto-Fläche der Gewerbegebietes natürlich dann auch wieder schmälern, sei hier nur am Rande erwähnt, da diese Auffangbecken wichtig sind. Nach der letzten Erweiterung des Gewerbegebiets vor nicht einmal zehn Jahren zeigte sich allerdings schon, dass die Planer Starkregenereignisse unterschätzen.

So kam es, dass im Jahr 2013 bei vielen Einwohnern der Ortschaft Fenke, die nördlich der letzten Erweiterung gelegen ist, zu Überschwemmungen der Häuser. Der im zugehörigen Zeitungsartikel der Lokalpresse zitierte und noch heute amtierende Bürgermeister machte einen eher ratlosen Eindruck, was für die jetzige Planung nichts Gutes hoffen lässt. Die Frage ist, ob aus den damaligen Fehlern gelernt wurde.

Doch der Wald auf der Anhöhe dient nicht nur bei Starkregen als natürlicher Wasserspeicher, sondern auch bei den normalen Wetterlagen. So wird der angrenzende Horpebach aus dem abfließenden Wasser des Waldes auf der Platte gespeist. Dieser wird nach Grundlage der Planung von klause V dann entweder versiegen oder zu einem Rinnsal verkümmern mit entsprechenden Auswirkungen bis hinunter zur Nachbargemeinde Engelskirchen, wo der Horpebach in die Agger mündet.

Auf der anderen Seite soll das Wasser aus den Regenauffangbecken über den Weyerbach abgeleitet werden. Dieser verläuft weiter unten direkt durch den Hauptort Lindlar. Dort ist er teilweise unterirdisch kanalisiert worden. Bereits in der Vergangenheit kam es dort bei starken Regenschauern vor, dass Kanaldeckel durch die Wassermassen hochgedrückt wurden, da es keinen anderen Ablauf für das Wasser gibt. Entfällt der Wald auf der Platte als Wasserspeicher und geraten die Auffangbecken an ihre Limits, wird sich das Wasser also mutmaßlich ins Tal direkt in den Hauptort Lindlar ergießen.

Um das Argument der entfallenden CO2 Speicherung des Waldes zu entkräften, wird von Befürwortern der Erweiterung oftmals ins Feld geführt, dass durch die potenziell neu geschaffenen Arbeitsplätze Pendlern, die momentan noch nach Köln zur fahren, die Möglichkeit gegeben wird, vor Ort im heimischen Gewerbegebiet zu arbeiten und somit CO2 bei den Autofahrten einzusparen.

Wer sich den Kölner Arbeitsmarkt anschaut, wird allerdings folgendes feststellen: der Großteil der dortigen Arbeitsplätze ist im Dienstleistungs- sowie dem Finanzgewerbe angesiedelt. Ein weiter großer Bereich sind Medienunternehmen. Nichts davon wird sich in der Klause ansiedeln, so dass wohl auch wenig bis keine Pendler auf einmal von Köln nach Lindlar wechseln. Dass der IT Experte oder Versicherungskaufmann auf einmal zum KFZ Sachverständigen oder Licht- und Beleuchtungstechniker wird, damit er nicht mehr zur Arbeit pendeln muss, ist wohl eher unwahrscheinlich.

Bürgerbeteiligung bei Klause V gefragt!

Wie immer gilt auch hier: nur wer sich selbst ein Bild macht, kann auch mitreden. Dazu gibt es mittlerweile viele Gelegenheiten. So werden vom NABU immer wieder geführte Wanderungen durch den Wald, der abgeholzt werden soll, bei denen Experten erklären, welche Aufgaben der der Wald für Lindlar hat und welche Auswirkungen sich aus seiner Vernichtung ergeben. Termine werde auf der Webseite des NABU veröffentlicht.

Aber auch die Politik hat eingesehen, dass die Menschen besser informiert werden möchten und bietet zwei Podiumsdiskussionen zu dem ganzen Themenkomplex an. Die erste fand bereits Anfang Oktober statt und erfreute sich zahlreicher interessierter Einwohner der Gemeinde. Dort standen Vertreter aus der Wirtschaft, der Verwaltung sowie vom NABU und der Interessengemeinschaft für den Walderhalt Rede und Antwort.

Eine ähnliche Diskussion ist im Winter geplant. Dort werden dann die Fraktionsvorsitzenden der Lindlarer Parteien ihren Wählern ihre Sicht der Dinge darlegen und ebenfalls für die Beantwortung von Fragen zur Verfügung stehen. Der Termin wird auf der Seite der Gemeinde veröffentlicht werden.

Fazit: Klause V – Erweiterung mindestens fraglich

Aus den oben geschilderten Fakten und mutmaßlichen Entwicklungen ergibt sich ein sehr fragwürdiges Bild hinsichtlich der Sinnhaftigkeit der geplanten Erweiterung des Industrie- und Gewerbegebietes Klause.

Vor dem Hintergrund des nicht mehr abstreitbaren Klimawandels und den daraus resultierenden, vermehrt auftretenden Starkregenereignissen, ist es mehr als zweifelhaft, dass die negativen Auswirkungen durch die angenommenen positiven Aspekte ausgeglichen werden.

Jeder Einwohner der Gemeinden Lindlar und Engelskirchen ist dazu aufgerufen, sich selbst ein Bild zu machen. Mein Aufruf ist: hinterfragt alles, auch mich 🙂 Schaut Euch die Seiten der Gemeinde, der Lindlarer BGW, des NABU und den Wald selbst an und entscheidet dann, wie ihr euch zu der Erweiterung positioniert. Die im nächsten Jahr stattfindende Kommunalwahl bietet dann die richtige Plattform eure Meinung in politische Mehrheiten umzusetzen. Die Positionen der einzelnen Parteien könnt ihr auf deren Webseiten erfahren.

Wer mehr darüber erfahren möchte, welche Rolle der Wald beim Kampf gegen den Klimawandel hat, kann dies im verlinkten Post erfahren.

Bilder

 

Podiumsdiskussion am 07.10.2019
Wald auf der Platte, der vernichtet werden soll
Nicht nur Fichten – auch viele Flächen mit Mischwald sind dort vorhanden und bieten Lebensraum für eine abwechslungsreiche Fauna
Immer wieder gibt es eine rege Teilnahme an den Waldbegehungen vom NABU und der IG zum Erhalt des Waldes

2 Comments

  1. Avatar Achim Althausen sagt:

    Sehr schön geschrieben. Bleibt zu hoffen, dass es auch reichlich gelesen wird.

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