Deutsche Discounter – „Geiz ist geil“!

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Deutsche Discounter – „Geiz ist geil“!

Deutsche Discounter

© Mario De Mattia - CIS Online Magazine / pixelio.de

Deutsche Discounter wie ALDI und LIDL sind weltweit führend. Vier der fünf weltweit größten Discounter sind deutsche Unternehmen! Woran liegt das? Sind die deutschen Ketten einfach schneller und besser als die Konkurrenz? Oder hat sich die jahrelange Berieselung mit „Geiz ist geil“-Werbung im Konsumverhalten der Deutschen niedergeschlagen?

ALDI, LIDL und Co.

Fakt ist, dass die Umsätze der Discounter sprudeln wie seit Jahren nicht mehr. Im internationalen Ranking aus dem Jahr 2014 rangieren ALDI und LIDL mit Abstand auf Platz eins und zwei. Danach folgt Netto  auf Platz drei und auf Platz vier dann das amerikanische Unternehmen Dollar General. Und schließlich auf Platz fünf mit Penny wieder ein deutsches Unternehmen. Welche immense Marktmacht müssen die deutschen Discounter also haben, wenn sie sogar fast alle amerikanischen Unternehmen aus den Top 5 verdrängen?

Wer sich jetzt wundert, dem sei gesagt, dass es in dieser Statistik nur um Discounter geht. Auf Platz eins der Einzelhandelsunternehmen rangiert mit Wal Mart ein amerikanisches Unternehmen. Dort finden sich dann auch die erwarteten Unternehmen. Z.B. das britische Unternehmen Tesco oder die französische Einzelhandelskette Carrefour. In diesem Sektor spielen deutsche Unternehmen kaum eine Rolle.

Discounter oder Einzelhändler?

Wie kommt es also, dass die deutschen Discounter im Billig-Segment nahezu konkurrenzlos erscheinen? Ein Discounter ist erst mal grundsätzlich definiert als ein Unternehmen mit begrenztem Warensortiment. Das ist nachvollziehbar. Bei den Discountern gibt es zwar grundsätzlich jedes benötigte Produkt aber eben keine große Markenauswahl. Meist steht nur die sehr günstige Hausmarke zur Auswahl und vielleicht noch eine weitere. Die Waren werden auch nicht aufwändig präsentiert. Die Fläche des Geschäfts wird optimal ausgenutzt, um Kosten zu sparen. Aufwändige „Warenpyramiden“ oder ähnliches entfällt.

Neuerdings werden in Discountern sogar die Flächen über den Kühltruhen genutzt, um dort Waren zu stapeln. Alles nur, um die Betriebskosten zu senken und das Angebot zu erhöhen. Diese Einbußen in Komfort und Präsentation werden den Kunden in Form niedriger Preise zurückgegeben. Auch auf Sammelbildchen an der Kasse oder Payback-Aktionen müsst Ihr verzichten. Dies sind aus Sicht eines Discounters nur Kostenfaktoren. Kundenbindung ist nicht nötig, weil die auf „Geiz ist geil“ getrimmten Kunden von alleine kommen.

Kehrseite der Medaille

Wer bis jetzt denkt: „Okay damit kann ich leben. Ich brauche keinen Komfort beim Einkaufen“ hat den Kern der Sache noch nicht erfasst. Die Niedrigpreispolitik der deutschen Discounter ist nicht nur durch Einsparungen bei Präsentation und Komfort zu erreichen. Streikende Milchbauern und Zuliefere mit Verträgen, die man getrost als „Knebelverträge“ bezeichnen kann sind die Konsequenz. Die enorme Marktmacht der deutschen Discounter zeigt sich darin, dass sie die Preise nahezu losgelöst vom Markt bestimmen können. Ich persönlich kenne viele Leute aus allen sozialen und finanziellen Schichten, die freiwillig mehr für ihre Milch zahlen würden. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass der höhere Preis auch den Erzeugern zu Gute kommt. Aber wenn ALDI bestimmt, dass der Milchpreis zu sinken hat, dann ist das so.

Deutsche Discounter

Faire Preise? Nicht für die Bauern © JuwelTop / pixelio.de

Initiative Tierwohl

Ähnlich sieht es beim Fleisch aus. Einige Discounter und Supermärkte haben die Zeichen der Zeit erkannt. Sie haben sich selbst verpflichtet, artgerechte Haltung von Schweinen und Rindern zu fördern. Das Umdenken bei den Kunden hat dazu geführt, dass artgerechte Haltung in den Vordergrund gerückt ist. Würden die Kunden wieder auf jeden Cent achten, wäre das aber schnell wieder vorbei. Im Jahr 2015 wurde die Initiative Tierwohl gegründet. Diese wird von elf deutschen Lebensmitteleinzelhändlern und Discountern finanziert. Laut Webseite werden pro Kilo verkauftem Fleisch 4 Cent an die Initiative abgegeben.  Die Initiative unterstützt damit Landwirte, die artgerechte Haltung in Ihren Ställen umsetzen. Klingt super?

Klares Jein! Natürlich ist das schon ein Schritt nach vorne. Aber neben dem Tierwohl-Aspekt geht es den Unternehmen vor allem um ein gutes Image. Beim nächsten Vorwurf der Massentierhaltung kann man auf das „Feigenblatt“ Tierwohl zeigen und sagen, dass man doch mit gutem Beispiel vorangeht. Denn Fakt ist: Die Aufnahmekapazität für Tierwohl ist begrenzt! Viele Landwirte wollen unbedingt daran teilnehmen. Natürlich auch wegen der Förderung, nicht nur aus schlechtem Gewissen heraus. Aber die Aufnahme wird Ihnen schlicht und ergreifend verweigert. Die wenigen Plätze waren sehr schnell vergeben und alle Neuanmeldungen landen auf einer langen Warteliste.

Wenn es den Unternehmen also wirklich um Tierschutz und artgerechte Haltung geht: Warum gibt es dann diese Deckelung? Kann es sein, dass man erst mal abwarten will, wie sich das Konsumverhalten der Menschen entwickelt, damit man die Änderungen schnell wieder zurückdrehen kann, wenn der Wind sich dreht? Erwarten die Lebensmittelhändler vielleicht sogar, dass das Umweltbewusstsein der Konsumenten nur eine vorübergehende Laune ist?

deutsche discounter

Artgerechet Haltung hat ihren Preis © berggeist007 / pixelio.de

Bio im Discounter

Eine erfreuliche Tendenz ist der Einzug von immer mehr Bio-Lebensmitteln in den Discountern. Alle Bio-Produkte der Discounter tragen das EU-Biolabel. Dieses ist zwar nicht so streng wie andere Bio-Label aber wesentlich besser als konventioneller Anbau. Ich denk, dass ich den verschiedenen Bio-Labeln später einen eigenen Artikel widmen werde. Laut „Ökotest“ waren Bio-Obst und –Gemüse 200mal weniger mit Pestiziden belastet als konventionell angebautes Obst/Gemüse. Dabei machte es keinen Unterschied, ob Obst und Gemüse vom Discounter oder aus dem Bioladen stammten.

Aber natürlich gibt es sehr wohl Unterschiede. Denn die Bio-Produkteaus dem Discounter erfüllen nur das absolute Minimum der Bio-Anforderungen. Die anderen Label, Demeter, Naturland, etc. haben wesentlich strengere Anforderungen und sind deshalb auch teurer. Z.B. dürfen die dort die angebauten Produkte auch nicht mit Tierdünger von Tieren, die Antibiotika bekommen, gedüngt werden.

Aus Nachhaltigkeitsaspekten ist Bio vom Discounter auch nicht zu empfehlen! Denn für die niedrigen Preise werden oft weit entfernte Herkunftsländer wie Bulgarien, Ägypten und Israel in Kauf genommen. Dort können die Bio-Produkte zwar günstig erzeugt werden. Sie müssen anschließend aber noch um die halbe Welt transportiert werden. Das wirkt sich negativ auf die CO²-Bilanz aus. Man sollte also darauf achten, dass die Produkte zumindest aus Deutschland, besser noch aus der Region stammen.

Und bitte auch das beachten: Es gibt keine deutsche Erdbeersorte, die im Winter wächst! Genauso wie deutsche Äpfel auch nur im Herbst frisch sind. Alles andere wird über Monate in Kühlhäusern gelagert. Deshalb ist es für die CO²-Bilanz genauso wichtig darauf zu achten, dass das Obst oder Gemüse saisonal gekauft wird! Das gilt für jedes Obst und jedes Gemüse, egal ob Bio oder konventionell!

Leider im Winter nicht frisch...© Erwin Lorenzen / pixelio.de

Leider im Winter nicht frisch…© Erwin Lorenzen / pixelio.de

Fazit

Der Gang zum Discounter ist nicht in allen Fällen verwerflich. Gerade Familien mit kleinem Einkommen haben oft keine andere Wahl. Initiativen wie „Tierwohl“ sind aber mit einer gehörigen Portion Skepsis zu betrachten. Hier kann man vom Tropfen auf den heißen Stein reden. Solange nicht alle Bauern der Zutritt zu den Fördermitteln gewährleistet wird, ändert sich nur in von den Discountern und Supermärkten zugelassenen Maß etwas. Und man darf nicht vergessen: die Discounter und Supermärkte führen zwar die 4 Cent pro Kilo an die Initiative ab. Sie geben die Kosten aber 1:1 an den Kunden weiter! Der Konsument finanziert also alles selber. Es wird nichts von den großen Unternehmen „gesponsert“. Diese nutzen nur das gute Image für sich.

Auch vor dem Hintergrund der Monopolbildung sollte man den Gang zum Discounter prüfen. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass die billigen Preise durch Druck auf die Zulieferer zustande kommen. Und durch ihre Marktposition können die Discounter immensen Druck ausüben. Nach dem Motto: „Entweder ihr liefert an mich zum Preis XY oder ihr lasst eure Ware verschimmeln.“ Steuert daher gezielt durch Euren Einkauf den Markt! Geht einmal die Woche zum Bioladen oder auch zum „Tante-Emma-Laden“ um die Ecke. Ihr entscheidet wohin der Markt geht. Mit jedem Einkauf entscheidet Ihr aufs Neue, ob der Bauer in Eurer Region oder die große Kette sonstwo die Gewinne einstreicht.

Und wer sich über die Berichte im Fernsehen aufregt, in denen Tiere unter schlimmsten Bedingungen gehalten werden, darf ganz nicht am nächsten Tag zum Discounter rennen und dort das Fleisch im Angebot kaufen! Tut mir leid, aber das muss man in aller Deutlichkeit sagen! Das passt nicht zusammen. Artgerechte Tierhaltung kostet nun einmal Geld. Wer es ernst meint, muss halt auch mal ein paar vegetarische Tage einlegen und kann sich dann auch das teure Bio-Fleisch leisten. Zur Not kann man auch auf Tierwohl-Produkte aus dem Discounter zurückgreifen aber seid Euch bewusst, dass damit nur ein kleiner Teil der Bauern unterstützt wird.

Die Entscheidung liegt bei Euch. Jeden Tag aufs Neue! Denkt darüber nach.

Bis dahin,

genießt das Leben!

 

1 Comment

  1. […] denke, dass sich im Bereich Konsum und Ernährung in den nächsten Jahren Einiges ändern muss und wird. So wird – auch ohne […]

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